Entwicklungsmöglichkeiten als Kind!
Es gibt zwei Entwicklungsmöglichkeiten als Kind, eine nach “Innen” und eine nach “Außen” gerichtete!
Der Weg zur Entwicklung nach innen, zum eigenen sich erschaffenden Selbst, wird von einer Liebe begleitet, die es dem Kind erlaubt, Hilflosigkeit als etwas zu erleben, womit es nicht alleingelassen wird.
Wird das Erleben von Hilflosigkeit auf diese Weise eingebettet, so wird es nicht als Ohnmacht, völlige Verlassenheit oder Verurteilung empfunden, sondern als Ausgangspunkt der Erfahrung, dass man nicht zerstört wird, sondern durch das erleben von Schmerz und Leid hindurch zu neuer Kraft findet.
Diese Erfahrung führt zu einem Selbst, dass Hilflosigkeit nicht als tödliche Bedrohung empfindet, sondern als die Möglichkeit zur Integration dieser Empfindung und damit zur Möglichkeit, immer wieder neu zu beginnen.
Die nach “Außen” gewandte Richtung, spaltet das Erlebnis der Hilflosigkeit ab, leugnet die innere Welt mit seinem ursprünglichen Wunsch der Anerkennung, dessen was sich an wirklichen Gefühlen zeigt und unterwirft sich einem Leben im Sinne einer Ordnung, die von außen diktiert wird, mit Bedürfnissen und Wahrnehmungen eines ausgedachten Lebens, in dem grundsätzlich den anderen — erst Eltern, später der Schule, der Gesellschaft, dem Staat, die Befehlsgewalt eingeräumt wird.
Der verleugnete Schrecken der Hilflosigkeit, als tödliche Gefahr von Kindern erlebt, wirkt fort und wird zu einer einzelnen nicht bewussten Motivation, welche mit der Emotion Angst vor dem Leben gleichzusetzen ist.
Das eigene Selbst nicht leben und nicht spüren zu dürfen führt zur Spaltung und zu Wut und Hass auf die Umwelt, welcher die Verantwortung dafür zugeschoben wird.
Der Schmerz, die Verleugnung, die Bedürftigkeit welche keine Beachtung erfuhr besteht zeitlebens weiter, wird verdrängt oder mit suchtartigen Verhaltensweisen überdeckt.
Eine Mail an Prof. Franz Ruppert aus dem Jahr 2021!
Hallo lieber Franz,
ich hoffe es stört Dich nicht, wenn ich Dir wieder eine Mail schreibe, wenn ja, sag mir einfach Bescheid!
Ich weiß ja, was Du alles bewegst und dadurch auch sehr beschäftigt bist und ich bin wirklich dankbar wenn ich mich mit Fragen an Dich wenden kann.
Ich lese gerade von Bruce Lipton das Buch der “Honymoon Effekt”, “Liebe geht durch die Zellen” und ab der Seite 81 geht es um die vier unterschiedlichen “Minds” die wir in einer Partnerschaft oder auch in anderen Beziehungen verwenden, damit Kommunikation stattfinden kann und wodurch diese mehr beeinflusst wird.
Mit den “Minds” meint er das “Unterbewusstsein”, welches ca. 90 % der Gehirnaktivität in Anspruch nimmt und das “Bewusstsein”, aus dem präfrontalen Cortex, welche unser täglichen Aufgaben steuert, unser kreativer Geist, der auch die Zukunft planen und die Vergangenheit reflektieren kann.
Er schreibt, dass wir durch unser geistreiches, bewusstes Denken, Wünsche, Sehnsüchte und Bestrebungen für unser weiteres Leben äußern können, aber durch die 90 % der neuronalen Aktivität des Unterbewusstseins, welches ja durch unsere frühe Erfahrungswelt geprägt ist und damit mehr Einfluss und dominanter ist, unsere bewussten Vorstellungen vom Leben, ich sage mal stark beeinflusst, wenn nicht boykottiert.
Dazu kommt noch, wenn wir zu sehr mit den Aufgaben des täglichen Lebens beschäftigt sind und von einem Gedanken zum nächsten springen, dass Unterbewusstsein noch mehr die Führung für unsere Verhalten übernimmt.
Das war nur ein kurzer Ausschnitt, aber nun zu meiner eigentlichen Frage in Bezug auf unsere Selbstbegegnungen.
?Ab wann setzt Heilung ein?
Ich weiß von meinen eigenen Aufstellungen, dass ich bestimmte Situationen in meinem Leben illusorisch mit mir herumgetragen habe.
Alleine schon, dass ich meine Mutter als “Königin” und gute “Schwester” betrachtet hatte und in den ersten Aufstellungen versuchte mit meinem Bewusstsein zu verstehen, dass sie mich nur benutzte, ich mit dieser Erkenntnis aber völlig überfordert war.
Es ist doch so, dass wir nur über unser Gefühl in den Begegnungen an unser Unterbewusstes und an unsere Zellprogrammierungen herankommen und ändern können und alles was versucht wird mit dem Verstand zu analysieren und “umzuprogrammieren” ins Leere laufen muss!
Da denke ich an die vielen Menschen, die über Jahre hinweg Arbeiten für sich machen, diese, ihre Aufstellungen rational versuchen auszuwerten und auch noch von ihrem Unterbewusstsein blockiert werden.
Ja, ab wann beginnt da Heilung? Siehst Du es so, dass unser Unterbewusstsein der entscheidende Faktor ist, der durch die Selbstbegegnungen neue Sicht-und Verhaltensweisen erfährt oder würdest Du es gar nicht so differenziert sehen, wo die Wirkung verstärkt ansetzt?
Lipton spricht auf alle Fälle davon, wir können uns noch so viele Gedanken machen, aber dennoch ist das vorgeprägte Unterbewusste der Autopilot, stärker als unser Bewusstsein und dazu hätte ich noch eine Frage.
Dein Modell der Psyche, teilst Du ein in “Gesunde” — “Traumatisierte” und “Überlebensanteile”. Ist diese Einteilung auch vermehrt auf das Unbewusste bezogen, kann man eigentlich trennen, was zusammen gehört?
Vielleicht kommen Dir meine Gedanken etwas verquirlt vor, aber das beschäftig mich gerade und ich merke, dass es mir mit dem Schreiben schon klarer wird.
Na, ja, wenn Du Zeit und Lust hast, kannst mir ja mal ein paar Zeilen dazu schreiben.
Im Übrigen, habe ich Dir schon Anfang des Jahres angekündigt, ich höre Ende des Jahres mit Immobilien auf und möchte nur noch Psychotherapie anbieten, was ich ja schon länger Zeit mache, aber alles zusammen wurde mir zu viel.
Wenn es für Dich in Ordnung ist, wäre es eine große Ehre, mich auf Deiner Empfehlungsliste wiederzufinden, vorher hätte mir die Zeit dazu gefehlt.
Ich freue mich aus einer beruflichen Überlebensstrategie ins Leben gehen zu können, aber ich weiß auch warum dies so war und bin damit auf versöhnt.
Danke lieber Franz
Günther Heinrich
Antwort von Franz:
Lieber Heinrich,
ja, ich sehe und erlebe das auch so. Wenn wir in emotionalen Kontakt mit unseren abgespaltenen = unbewussten Anteilen kommen, geschieht eine tiefgreifende Heilung. Das Denken = Analysieren alleine leistet das nicht. Wenn als Angst, Wut, Schmerz noch einmal in einer Selbstbegegnung direkt erlebt werden, dann findet eine Verbindung von traumatisierten Anteilen mit den gesunden Anteilen statt. Dann werden die Überlebensstrategien immer mehr überflüssig.
Herzliche Grüße
Franz
Kontaktabbruch und mit sich selbst in Kontakt kommen!
Text von Prof. Dr. Franz Ruppert:
Eine in den Therapien oft gestellte Frage lautet: Soll ich den Kontakt zu meinen Eltern abbrechen oder ist es besser, ihnen zu verzeihen und mich mit ihnen auszusöhnen? Dazu folgende Erkenntnisse von mir:
- Warum vernachlässigen, schlagen, demütigen, ignorieren, missverstehen oder misshandeln Eltern ihre Kinder? Weil sie in 99% aller Fälle selbst schon das Gleiche mit ihren Eltern erlebt haben.
- Warum ist das so weit verbreitet? Weil die meisten Gesellschaften weltweit partriarchale Gesellschaften sind, in denen liebevolle Mütterlichkeit und herzliche Väterlichkeit nichts zählen im Vergleich zu materiellem Besitz, Geld, Macht- und Konkurrenzstreben und der Illusion ideologisch verklärter Leistungen und Erfolge. Dadurch werden Menschen aller Alterstufen weltweit systematisch traumatisiert und das schon vor, während und nach ihrer Geburt und so zu Objekten von Wahnideen und Überlebensstrategien ihrer Mütter und Väter gemacht.
- Warum erwarten traumatisierte Eltern von ihren Kindern trotzdem Dankbarkeit und lebenslange, über den Tod hinausreichende Loyalität? Weil unter diesen Umständen ihre Kinder für sie Trauma-Überlebensstrategien darstellen: als Mittel zum Zweck, als Sinnstiftung, als Ablenkung, als Projektionsfläche, als Container für ihre unverdauten Traumagefühle, als vermeintliche Ersatzeltern usw.
- Warum können sich traumatisierte Kinder nur schwer von ihren traumatisierten Eltern lösen? Weil ihre kindlichen Anteile im Geheimen noch immer hoffen, eines Tages doch ans Ziel ihrer Kontaktwünsche zu gelangen und von den Eltern gesehen und geliebt zu werden. Weil traumatisierten Menschen, selbst wenn sie körperlich erwachsen sind, in ihrer Psyche noch über kein erwachsenes gesundes Ich und keinen eigenen Willen verfügen, an die sich die ignorierten und abgespaltenen kindlichen Bedürfnisse nach Liebe, Körperkontakt und echten Gefühlen wenden könnten. Weil die Einsicht, von den eigenen Eltern nicht gewollt zu sein, und möglicherweise sogar Abtreibungs- und Tötungsversuche überlebt zu haben, viel zu schmerzhaft für eine Kinderpsyche ist.
- Was ist daher zu tun? Sich die schmerzlichen Verletzungen durch die eigenen Eltern eingestehen, mit sich selbst mitfühlen, die unterdrückten Ängste, die Wut, die Trauer und vor allem den Schmerz zulassen, der in der Beziehung mit den traumatisierten Eltern keinen Platz hat und auch keinen haben wird, insbesondere solange diese nicht an ihren eigenen Traumata arbeiten. Ohnehin ist es ja schon zu spät. Die Kindheit und die damit verbundenen Verletzungen können de facto nicht ungeschehen gemacht sondern nur realisiert und gefühlt werden.
- Ist es dann möglich, mit den Eltern (wieder) Kontakt zu haben? Das kann dann jeder selbst beantworten, sobald er den Referenzpunkt in sich selbst hat, ob er das will und ob ihm das etwas gibt. Vielleicht ist es auch nur furchtbar langweilig, mit Menschen Zeit zu verbringen, die nicht bei sich und deshalb ständig in ihrer Überlebensstrategien unterwegs sind und dabei beständig versuchen, einen in diese hineinzuziehen. Möglicherweise gibt es ja Erfreulicheres, die wertvolle eigene Lebenszeit zu genießen als darauf zu hoffen, von jemandem gesehen und verstanden zu werden, der das nicht kann.
Ich habe es diese Tage beim Tod und der Beerdigung meiner Mutter hautnah erfahren, wie wichtig es für mich ist, den Schmerz aus der eigenen Kindheit nicht zu unterdrücken und zu fühlen, dass es keine liebevolle Mutter gab, die für einen da war. Indem ich diesen Schmerz und auch die Wut darüber zum Ausdruck bringe, komme ich wieder ein Stück mehr in meinem Körper und damit bei mir selbst an. Andernfalls verleiten diese abgespaltenen Gefühle zur Inszenierung von Liebesillusionen angesichts des Todes der Mutter und zur Weitergabe der eigenen Verletzungen an andere, die dar nichts dafür können.
Ich erlebe es oft, dass Menschen nach dem Tod ihrer Eltern meinen, sie hätten sich auf einer höheren Ebene nun ausgesöhnt und das Problem damit gelöst. Nach meinen Erfahrungen tragen solche rein gedanklichen, z.T. spirituell begründeten “Lösungen” jedoch nichts dazu bei, die weiterhin mit der Mutter- und Vaterbindung bestehenden emotionalen Probleme aufzulösen. Sie vertiefen die psychischen Spaltungen in einem Menschen sogar noch weiter. Solche spirituellen = geistigen Pfade gehen der Realität des eigenen Schmerzes, der eigenen Ängste und der eigenen Wut- und Hassgefühle aus dem Weg.
Ich empfehle also keineswegs den Kontaktabbruch mit den eigenen Eltern, wie mir zuweilen unterstellt wird. Ich verurteile und verdamme ihn nur nicht, wie das auch von manchen Psychotherapeuten-KollegInnen getan wird. Was ich empfehle, ist die Intensivierung des emotionalen Kontakts mit sich selbst. Das kann über die Anliegenmethode sehr gut getan werden.
Wo kommt das alles her, das Leiden — der Schmerz — die Unzufriedenheit — Schuld und Scham — Aggression — die Wut — Trauer — Depression.
Fast unser gesamtes Leiden entsteht aus unseren Vorstellungen und Wünschen, wie unser Leben zu verlaufen hat und wie sich unsere Beziehungen gestalten sollen.
Dabei begründen sich diese Vorstellungen aus Beziehungsmustern unserer Kindheit, aus unseren unerfüllten Sehnsüchten nach Gesehen, Gehört und Geliebt werden wollen.
Wir wiederholen das Bindungsszenario aus unserer Kindheit im Erwachsenenleben und deshalb leiden wir.
Frage Dich selbst einmal, welches Bindungsszenario Du heute noch lebst, dass Du mit Deinen Erfahrungen aus Deiner Kindheit in Verbindungen bringen kannst:
- Ist es die Aufrechterhaltung Deiner Autonomie?
- Oder die Abhängigkeit und Selbstaufgabe?
Was war Deine Lösung in Deiner Kindheits-Not?
- Welche tieferen Bedürfnisse hast Du, die Du auch heute nicht frei kommunizieren kannst?
- Hast Du das Gefühl, dass Deine Bedürfnisse falsch sind, dass vielleicht sogar Du selbst falsch bist?
- Empfindest Du Scham, wenn Du Deine Bedürfnisse äußerst?
Wir haben als Kinder gelernt, unsere Bedürfnisse zu unterdrücken (abzuspalten), die Illusion von Kontrolle darüber gab uns Stabilität zu überleben.
Oft ist es sogar so, dass wir zwischen dem Bindungsszenario Abhängigkeit und Autonomiestreben hin und hergerissen sind und gelangen dadurch nie in unser wirkliches Potenzial.
Solange in uns alte Bindungsmuster-(TRaumata) und damit trennende Beziehungsmuster aktiv sind, können wir nicht wirklich entspannen, da wir damit unbewusst die Not aus der Kindheit immer wieder neu inszenieren.
Trauma und die entsprechenden Spannungen sind im Bindungskontext entstanden und können auch nur im Bindungskontext heilen.
Wenn wir uns nicht ehrlich mitteilen, was uns fehlt, welche Wünsche wir haben, das wir geliebt werden wollen und uns dafür schämen, Gefühle zu zeigen, bleibt unser Körper und unsere Psyche im Überlebenskampf.
Wenn wir mit all unseren verdrängten und schmerzhaften Aspekten auf einen nahestehenden, vertrauenswürdigen Menschen zugehen, kann sich das wie Sterben anfühlen.
Das will natürlich erst mal niemand. Es ist unattraktiv. Aber es ist das Neue, dass die Wandlung bewirkt!